Anästhesieabteilung
Beurhausstraße 40
44137 Dortmund
Direktor:
Priv.-Doz. Josef F. Zander
Telefon: 0231 / 953 - 21391
Die erste Erwähnung einer „Anästhesie“ steht in der Schöpfungsgeschichte der Bibel. Dort wird beschrieben, dass Gott Adam in einen tiefen Schlaf versetzt, um aus seiner Seite eine Frau, also Eva, zu formen. "Da ließ Gott (...) einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, so dass er einschlief, nahm eine seiner Rippen und verschloss die Stelle mit Fleisch." (Genesis 2,21) Hier wird also eine Anästhesie und eine Operation durchgeführt, wobei Gott sowohl Anästhesist als auch Chirurg ist. Es sollte aber Gott überlassen bleiben, beide Funktionen in einer Person auszuüben.
Bis Mitte des 19. Jahrhunderts gab es nur eingeschränkte Möglichkeiten, Patienten für die Durchführung einer Operation die Schmerzen oder sogar gezielt das Bewusstsein zu nehmen. Es kamen natürliche Substanzen zur Anwendung wie Morphium bzw. Opium, Alkohol, Cannabis, Hyoscin oder Cocain. Ausserdem wurden physikalische Massnahmen genutzt, wie Kälte, Druck oder Aderlässe, wobei das Ziel war, einen Nerven auszuschalten oder den Patienten bewusstlos zu machen. Auch Hypnosetechniken oder der Messmerismus kamen immer wieder zur Anwendung.
Die ersten Narkosen für operative Eingriffe wurden vor etwa 150 Jahren vorgenommen. Vorher standen nur Alkohol in grossen Mengen und Morphium für die Durchführung von Anästhesien zur Verfügung. Damit liessen sich aber nur einfache und schnelle Eingriffe durchführen, die immer noch schmerzvoll und gefährlich für den Patienten waren.
Im Jahre 1844 führte der Amerikaner Horace Wells eine „Lachgasnarkose“ durch. Lachgas war von Davy 1799 entdeckt aber bis dahin noch nicht für medizinische Zwecke verwendet worden. Am 16. Oktober 1846 führte der Zahnarzt William Morton eine Äther-Inhalationsanästhesie im Massachusetts General Hospital in Boston durch. J.Y. Simpson führte die Chloroformnarkose ein und setzte am 19.1.1847 zum ersten Mal Äther in der Geburtshilfe ein. 1847 entwickelte John Snow in England ein Äther- und Chloroform-Inhalationsgerät.
Gleichzeitig wurde die Lokalanästhesie bzw. die Leitungs- und Regionalanästhesie vorangetrieben. Letztere Verfahren wurden von Halsted und den deutschen Chirurgen M. Oberst sowie August Bier entdeckt und weiterentwickelt.
Die Anfänge der Anästhesie waren schwierig, da nur wenige Medikamente zur Verfügung standen und auch die technischen Möglichkeiten zur Durchführung einer Anästhesie und zur Überwachung der Patienten rudimentär waren.
Die Substanzen, die damals verwendet wurden, waren Lachgas, Äther und Chloroform. Im Laufe der Zeit kamen bald Methoden der Lokal- und Regionalanästhesie hinzu. Es gab anfänglich auch keine geregelte Weiterbildung zum Anästhesisten. Die Narkosen wurden bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts meist unter Anleitung des Operateurs durchgeführt, der gleichzeitig operierte. Damit war es unmöglich, dass der Operateur sich intensiv um die Überwachung des Patienten kümmern konnte, was gerade in kritischen Situationen der Operation für den Patienten gefährlich war.
Ausserdem gab es teilweise moralische Bedenken, eine Betäubung durchzuführen, vor allen Dingen im Zusammenhang mit der Schmerzausschaltung unter der Geburt. Der Grund war ein religiöser: In der Bibel werden Geburtsschmerzen als gottgewollt dargestellt. "Viel Mühsal bereite in Dir, sooft Du schwanger wirst. Unter Schmerzen gebierst Du Kinder." (Genesis 3,16) Innerhalb der Ärzteschaft sowie zwischen den Befürwortern der neuen Methode und verschiedenen anderen Interessengruppen, beispielsweise der Kirche, gab es wiederholt heftige Diskussionen darüber, die auch höchste Persönlichkeiten der Gesellschaft nicht verschonten. Der Durchbruch für die Methode der Narkose bei schwierigen Geburten brachte die Narkose bei Königin Viktoria.
Mit der Einführung der Anästhesie wurde auch bald von vielen Ärzten eine Dokumentation des jeweiligen Verfahrens durchgeführt. Als einfach zu bestimmende Vitalparameter wurden die Pulsfrequenz und der Blutdruck gemessen. Dies waren für lange Zeit, neben der Weite der Pupillen, dem Schwitzen oder der Unruhe des Patienten und seiner Hautfarbe, die einzigen Parameter, um den Zustand eines Patienten während der Narkose zu beurteilen.
Neben der gefürchteten Minderversorgung mit Sauerstoff unter der Narkose waren Kreislaufversagen und schwere Leberentzündungen typische Komplikationen der Anästhesie.
Trotz aller Bedenken gegen Narkoseverfahren wegen schwerer möglicher Komplikationen auch in der Geburtshilfe, setzte sich die Anästhesie bei Operationen immer mehr durch. Zunächst wurde die Narkose durch den Operateur selber durchgeführt, später machten dies Schwestern oder Pfleger unter Anleitung des Chirurgen. Man muss dabei wissen, dass damals nur Patienten in relativ gutem Allgemeinzustand oder in absoluten Notfällen operiert wurden. Dies hält keinen Vergleich zu heutigen Standards aus.
Der Erfolg der Anästhesie kann leicht dadurch erklärt werden, dass es offensichtlich war, wie einfach Operationen bei anästhesierten Patienten waren im Gegensatz zu Eingriffen bei wachen, oft nicht einmal mit einem Schmerzmittel behandelten Patienten. Bereits im amerikanischen Bürgerkrieg (1861 – 1865) wurde praktisch kein Soldat mehr ohne eine Narkose operiert. Es konnten jetzt Operationen durchgeführt werden, an die sich ohne Anästhesie auch der unerschrockenste Chirurg nicht gewagt hätte.
Nachdem zunächst einfache Systeme zur Applikation von Inhalationsanästhetika verwendet wurden, wurden im Laufe der Zeit mehr und mehr Geräte entwickelt, mit denen nicht nur die präzisere Applikation der Narkosemittel, sondern auch eine bessere Überwachung und sogar eine Beatmung der Patienten möglich war.
Auch die Lokal- und Regionalanästhesie entwickelten sich weiter, aber relativ zögerlich, da das Instrumentarium dafür lange zu grob und die Medikamente nicht ideal waren.
Die Professionalisierung der Anästhesie erfolgte jedoch erst fast 100 Jahre nach der ersten Narkose.
1937 wird in Oxford der erste Lehrstuhl für Anästhesie eingerichtet. Sir Robert Macintosh ist der erste Lehrstuhlinhaber.
Erst 1952 wurde in Deutschland die Weiterbildung für Ärzte zum „Facharzt für Narkose und Anästhesie“ eingeführt. Das hatte zur Folge, dass die Krankenhäuser in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts nach und nach eigenständige Anästhesieabteilungen einrichteten. Zur weiteren Verbesserung der Patientenversorgung wurde 1971 die Fachweiterbildung für Intensivpflege und Anästhesie für das Pflegepersonal etabliert. Die Spezialisierung von Ärzten auf das Fachgebiet Anästhesiologie hat das Narkoserisiko drastisch gesenkt und bei kritisch kranken Patientinnen und Patienten auch komplizierte und langwierige Operationen möglich gemacht. Gleichzeitig wurden neue Medikamente zur Anästhesie entwickelt und auch die Möglichkeiten der Überwachung der Körperfunktionen verbessert. Seit einigen Jahren wird daran gearbeitet, durch verbesserte technische Möglichkeiten auch die Tiefe der Narkose durch eine kontinuierliche Auswertung des EEG zu erfassen und so eine Optimierung der Narkoseführung zu ermöglichen.