Lars Fiore (54) leidet seit seiner Kindheit an einer seltenen Autoimmunerkrankung: Morbus Wegener (Granulomatose mit Polyangiitis). Die Erkrankung betrifft die Gefäße und führt bei ihm immer wieder zu unkontrollierbaren Blutungen – insbesondere im Nasenbereich. Mehrmals pro Woche kämpft der Patient mit heftigem Nasenbluten, das sogar lebensbedrohlich werden kann, wenn nicht rechtzeitig mit Bluttransfusionen gegengesteuert wird. Trotz zahlreicher Behandlungen blieb das Blutungsrisiko dauerhaft extrem hoch.
Als sich zusätzlich ein schwerwiegendes Herzproblem entwickelte, spitzte sich die Lage dramatisch zu: Vorhofflimmern – eine Herzrhythmusstörung, die unbehandelt zu Schlaganfällen führen kann – belastete das Herz zunehmend. Die notwendige Blutverdünnung zur Schlaganfallprophylaxe war bei Lars Fiore jedoch ausgeschlossen, da sie die Blutungen massiv verschärft hätte.
Klassisches Verfahren nicht möglich
Gleichzeitig führte das anhaltende Vorhofflimmern zu einer strukturellen Veränderung des Herzens und schließlich zu einer Undichtigkeit der Mitralklappe, einer Mitralklappeninsuffizienz. Eine klassische Herzklappenoperation oder eine kathetergestützte Ablation kamen ebenfalls nicht infrage, da diese Verfahren zwingend eine starke Blutverdünnung während und nach dem Eingriff erfordern. Für den Patienten bestand die Gefahr, während einer solchen Behandlung zu verbluten.
Der behandelnde Kardiologe in Recklinghausen überwies den 54-Jährigen deshalb an die Spezialisten des Klinikums Dortmund. Auch für Herzrhythmusspezialist Dr. Hanno Klemm war sofort klar: Eine herkömmliche Ablation war in diesem Fall nicht möglich. Doch aufgrund der stetig zunehmenden Mitralklappeninsuffizienz musste eine Lösung gefunden werden. Je länger das Vorhofflimmern anhält, desto mehr vergrößert sich der linke Vorhof; die beiden Segel der Mitralklappe, die mit dem Vorhof verbunden sind, werden so immer weiter auseinandergezogen. Die Lücke in der Mitte wird immer größer, und die Insuffizienz nimmt weiter zu. Irgendwann tritt dann eine lebensgefährliche Herzschwäche auf. Nun hatten Dr. Klemm und Prof. Alexander Albert, Direktor der Klinik für Herzchirurgie, die Idee einer Ablation von der äußeren Herzseite aus, um das Vorhofflimmern zu stoppen und damit auch die das Voranschreiten der Mitralklappeninsuffizienz. So wurde erstmals am Klinikum Dortmund eine minimalinvasive, videoassistierte Radiofrequenz-Ablation von außen am Herzen durchgeführt.
Dabei wird das Vorhofflimmern nicht wie üblich von innen über Katheter behandelt, sondern über einen schonenden operativen Zugang von der Außenseite des Herzens. Die Herzinnenwand bleibt unverletzt. „Man verödet die betroffenen Areale sozusagen von außen“, erklärt Prof. Albert. Der große Vorteil: Der Eingriff kann ohne Blutverdünnung erfolgen.
Unterstützung aus den Niederlanden
Unterstützt wurden die Dortmunder Herzchirurgen Prof. Albert und sein Stellvertreter Dr. Ahmad Abugameh von einem international anerkannten Spezialisten: Prof. Dr. Bart Maesen aus Maastricht, der an der Entwicklung internationaler Leitlinien beteiligt ist und diese Methode seit Jahren erfolgreich anwendet. Für die Premiere am Klinikum Dortmund reiste er eigens an. Die benötigten Instrumente stellte die Firma Medtronic zur Verfügung.
Die Operation verlief komplikationslos und dauerte rund 90 Minuten. Bereits unmittelbar nach dem Eingriff zeigte der Patient einen stabilen Sinusrhythmus. Intraoperative Messungen bestätigten eine sichere elektrische Isolation der behandelten Herzareale.
Mehr als sechs Monate später hält der stabile Herzrhythmus weiterhin an. Überraschenderweise wurde das Voranschreiten der Mitralklappeninsuffizienz nicht nur aufgehalten, sondern die Funktion der Mitralklappe hatte sich sogar wieder normalisiert; der Vorhof ist deutlich kleiner geworden, die Segel schließen wieder regelrecht; die Mitralklappenisuffizienz ist verschwunden. Besonders entscheidend: Lars Fiore benötigt nach wie vor keine Blutverdünnung – und es traten keinerlei Blutungskomplikationen auf.
Besondere Lösungen für außergewöhnliche Fälle
„Ich hatte keine andere Wahl“, sagt der Patient. „Umso froher bin ich, dass die Ärzte hier im Klinikum Dortmund eine solche tolle Lösung gefunden haben.“ Schon wenige Tage nach dem Eingriff sei er wieder mobil gewesen, inzwischen fühle er sich richtig fit.
Für Prof. Albert und Dr. Abugameh ist dieser Fall ein wichtiger Schritt: „Diese Methode bietet sich für alle Patientinnen und Patienten an, bei denen keine Blutverdünnung eingesetzt werden kann oder bei denen kathetergestützte Verfahren nach mehreren Versuchen doch nicht funktionieren.“ Sie sei effektiv, nachhaltig und besonders schonend, weil nicht im Inneren des Herzens manipuliert werden müsse. Gleichzeitig werde das Schlaganfallrisiko deutlich reduziert.
Die Botschaft, die das Team aus diesem außergewöhnlichen Fall mitnimmt, soll anderen Herzpatientinnen und Herzpatienten Mut machen: „Egal, wie schwierig die individuellen Voraussetzungen sind – wir finden immer eine Lösung.“





