Kein Durst mehr vor der OP: Klinikum Dortmund lockert Nüchternheitsregeln

Prof. Dr. Richard Ellerkmann, Direktor der Klinik für Anästhesiologie (r.), und Anästhesiearzt Jonas van Bömmel-Wegmann präsentieren das neue Nüchternheitskonzept am Klinikum Dortmund.

Das Klinikum Dortmund führt nun eine neue, patientenfreundlichere Regelung vor Operationen ein: Das Trinken klarer Flüssigkeiten ist von nun an bis zum Abruf zur Operation oder zur Untersuchung erlaubt und ausdrücklich erwünscht.

Sechs Stunden vor der Operation nichts essen, zwei Stunden vor der Operation das letzte Mal trinken: Diese Nüchternheitsregel galt deutschlandweit lange für Patientinnen und Patienten vor einer Operation unter Vollnarkose oder in Regionalanästhesie. Praktisch umgesetzt wurde diese Vorgabe häufig als: ab Mitternacht nichts mehr essen und trinken.

Das Klinikum Dortmund führt nun eine neue, patientenfreundlichere Regelung ein: Das Trinken klarer Flüssigkeiten ist von nun an bis zum Abruf zur Operation oder zur Untersuchung erlaubt und ausdrücklich erwünscht. Das heißt: bis die Patientinnen oder Patienten in den OP-Saal gebracht werden, dürfen sie so viel Flüssigkeit zu sich nehmen, wie sie wollen.

Trinken, durch das man durchschauen kann

Bislang hatte man in der Anästhesie an einer Leitlinie festgehalten, die das Trinken bis zwei Stunden vor der OP untersagt hat. Die bisherige Annahme war, dass das Aspirationsrisiko steigt, also die Gefahr, dass Mageninhalt während der Narkose in die Atemwege gelangt. Internationale wissenschaftliche Daten und Studien bestätigen diese Annahmen aber nicht.

Demnach ist es bei gesunden Patientinnen und Patienten sicher bestimmte Flüssigkeiten bis kurz vor der OP zu sich zu nehmen. Erlaubt sind im Klinikum Dortmund: Wasser, Säfte ohne Fruchtfleisch, Tee und Kaffee (ohne Milch aber mit Zucker oder Süßstoff). „Grob gilt die Regel: Man darf alles trinken, durch das man durchschauen kann – und Kaffee“, sagt Anästhesiearzt Jonas van Bömmel-Wegmann.

„Nicht länger als notwendig verzichten“

Vor der Einführung der neuen Regel am Klinikum stand man an Dortmunds größtem Krankenhaus in engem Austausch mit dem Klinikum Emil von Behring in Berlin, das als Vorreiter in Deutschland gilt. Auf Dortmunder Stadtgebiet ist das Klinikum Dortmund nun das erste Krankenhaus, das diese Regelung einführt, um das Wohlbefinden seiner Patientinnen und Patienten vor und nach OPs weiter zu verbessern.

„Narkosen sind sicher, trotzdem bedeuten sie für den Körper eine Belastung. Deshalb sollten Patientinnen und Patienten nicht länger als notwendig auf Essen und Trinken verzichten“, sagt Prof. Dr. Richard Ellerkmann, Direktor der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin, Schmerz- und Palliativmedizin.

Patientenzentrierte Medizin

Obwohl bislang bis zwei Stunden vor der OP getrunken werden durfte, hat eine interne Erhebung am Klinikum Dortmund ergeben, das 50 Prozent der Patientinnen und Patienten zwölf Stunden vor der OP keine oder fast keine Flüssigkeit zu sich genommen hatten. Auch andere Krankenhäuser stellten einen ähnlich hohen Anteil fest. Außerdem bemerkten die Mitarbeitenden, dass gerade ältere Patientinnen und Patienten ihre Medikamente nicht eingenommen hatten, weil sie dies oftmals nur mit Flüssigkeit konnten.

„Mit der neuen Regelung wollen wir nicht nur die Zufriedenheit unserer Patientinnen und Patienten erhöhen, sondern auch Komplikationen während und nach den operativen Eingriffen reduzieren“, sagt Prof. Ellerkmann. „Die Datenlage zeigt, dass etwa das Delir-Risiko, also Verwirrtheit nach der OP, bei ausreichender Trinkmenge niedriger ist. Auch die Anzahl behandlungsbedürftiger Blutdruckabfälle während der Narkose wird geringer und es kann sogar zu kürzeren Aufenthalten auf den Intensivstationen und im Krankenhaus generell kommen.“

Individuelle ärztliche Anweisung bleibt entscheidend

Anästhesiearzt Jonas van Bömmel-Wegmann ergänzt: „Wissenschaftliche Arbeiten konnten zeigen, dass Getränke den Magen nach circa 15 Minuten verlassen haben. Der Transport in den OP und die Vorbereitungen benötigen immer garantierte 20 bis 30 Minuten. Dadurch vergeht genügend Zeit zwischen dem letzten Trinken und dem Narkosebeginn.“

Bei der Besprechung der OP teilen Anästhesistinnen und Anästhesisten im Vorfeld farblich unterschiedliche „Nüchternheitskarten“ aus, die sowohl den Patientinnen und Patienten als auch den Beschäftigten die individuell getroffene Entscheidung signalisieren. Zusätzlich wird deutlich vermerkt, welche Patientinnen und Patienten aufgrund spezieller Eingriffe oder bestimmter Erkrankungen von dem neuen Vorgehen ausgenommen sind.

Zu dem neuen Konzept gehört auch, dass im Aufwachraum und auf den Normalstationen auf die standardmäßige Gabe von Infusionen verzichtet werden soll. „Infusionslösungen sind kein Trinkwasserersatz. Über normales Trinken kann der Körper Flüssigkeit am besten verarbeiten“, erklärt Prof. Ellerkmann. „Unser Ziel ist es, dass sich die Patientinnen und Patienten so schnell wie möglich wie zu Hause verhalten. Das heißt: nach Möglichkeit keine Katheter, keine Drainagen und früh selbst aus dem Bett aufstehen und auf die Toilette gehen. All das vermindert das Risiko von Verwirrtheitszuständen nach einer OP.“

Weitere Informationen erhalten Patientinnen und Patienten im Rahmen der präoperativen Aufklärungsgespräche und auf der Internetseite des Klinikums.

Was bedeutet „klare Flüssigkeiten“?

Erlaubt sind:

  • Wasser
  • Tee
  • Schwarzer Kaffee ohne Milch
  • Klare Fruchtsäfte ohne Fruchtfleisch

Nicht erlaubt bleiben:

  • Milch und milchhaltige Getränke
  • Alkohol
  • Smoothies oder trübe Säfte
  • Feste Nahrung (weiterhin mindestens sechs Stunden vorher verboten)
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Matthias Lackmann (verantwortlich)
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