Was bei der Behandlung Schwerbrandverletzter wichtig ist

Bei einem schweren Brandunglück in der Schweiz sind in der Silvesternacht zahlreiche Menschen getötet und verletzt worden. Vielen Betroffenen stehen lange Behandlungen bevor. Die Leiterin des Zentrums für Schwerbrandverletzte am Klinikum Dortmund und ein leitender Arzt des Klinikums, der in Crans-Montana vor Ort war, geben Einblicke in die herausfordernde Versorgung von schwerverletzten Brandopfern.

Das Jahr 2026 begann für die Gemeinde Crans-Montana mit einer Katastrophe. Während hunderte Menschen in einer Bar im Schweizer Skiort den Jahreswechsel feierten, brach plötzlich ein Brand aus. 40 Menschen starben. 116 weitere wurden verletzt, viele erlitten schwerste Verbrennungen.

Mit Prof. Dr. Tobias Hirsch war zufällig ein Leitender Arzt aus dem Klinikum Dortmund in einer Nachbargemeinde vor Ort. Am Dortmunder Krankenhaus leitet er gemeinsam mit PD Dr. Farhad Farzaliyev die Sektion für Plastische-, Rekonstruktive- und Handchirurgie.

Die Stimmung in Crans-Montana beschreibt der Mediziner als „sehr bedrückend“. Viele der Todesopfer und Verletzten konnten zunächst nicht identifiziert werden. Angehörige der Barbesucher seien in dem kleinen Ort gewesen, um zu erfahren, was mit ihnen passiert ist. „Es gab ein Meer aus Blumen und Kerzen. Viele Brandopfer waren sehr jung. Das hat mich auch persönlich bewegt“, sagt Tobias Hirsch.

Für ein einzelnes Land nicht zu bewältigen

„Brandverletzungen gehören zu den schwersten Verletzungen, die ein Mensch erleiden kann. Es war schnell klar, dass ein einzelnes Land eine solche Zahl an Brandverletzten nicht allein versorgen kann“, sagt Prof. Hirsch. „Ab einer bestimmten Schwere müssen Patienten in spezielle Zentren für Schwerbrandverletzte verlegt werden.“

Dies ist etwa bei Verbrennungen 3. Grades der Fall, bei denen die gesamte Haut, teils bis auf das Muskelgewebe, betroffen ist. Bei Verbrennungen an Händen, Gesicht oder Genitalien werden Patientinnen und Patienten ebenfalls in spezialisierten Zentren behandelt – oder, wenn zehn Prozent der Körperoberfläche oder mehr mindestens zweitgradig verbrannt sind.

In der Bar in Crans-Montana hatten sich Brandgase unter der Decke so erhitzt, dass sich das Feuer schlagartig ausbreitete und plötzlich nahezu der gesamte Raum in Brand stand. Bei einem solchen sogenannten Flashover erleiden die Brandopfer meist großflächige Verbrennungen der Haut. Oftmals wird auch die Lunge erheblich geschädigt.

Internationale Pläne und Strukturen

In der Schweiz gibt es drei Zentren für Schwerbrandverletzte. Normalerweise reichen diese Kapazitäten aus, aber nicht bei einem solchen Unglück. Prof. Dr. Hirsch, der am Universitätsklinikum Münster auch die Klinik für Plastische Chirurgie leitet, kontaktierte deshalb seine Kolleginnen und Kollegen in der Schweiz und bot an, bei der Verteilung der Patienten zu unterstützen.

Er schildert, wie bei einer solchen Katastrophe vorgegangen wird. „Zunächst einmal geht es darum, das akute Überleben der Betroffenen zu sichern. Das heißt, sie zu stabilisieren.“ Im Nachgang sei dann die strukturelle Verlegung auf spezialisierte Zentren entscheidend. Meist geschehe dies mithilfe von Hubschraubern. „Für diese Großlagen sind internationale Pläne und Strukturen eingerichtet worden“, erläutert Prof. Dr. Hirsch.

In Deutschland gibt es 19 spezialisierte Zentren für Schwerbrandverletze. Eines davon ist am Klinikum Dortmund am Standort Nord. NRW-weit gibt es fünf weitere Zentren mit Behandlungskapazitäten für Erwachsene. Das Zentrum für Schwerbrandverletzte an der Unfallklinik in Dortmund unter Leitung von Klinikdirektor Dr. Jens-Peter Stahl verfügt über eine Intensivstation mit fünf baulich speziell auf die Behandlung von Schwerbrandverletzte ausgerichteten Intensivbehandlungsplätzen. Außerdem gibt es einen speziell ausgestatteten Verbrennungs-Schockraum sowie einen entsprechend klimatisierten Spezial-OP. Damit ist es eines der mittelgroßen Zentren.

Klinikum Dortmund bot Hilfe an

In der Schweiz wurde nach dem schweren Brand in Crans-Montana die internationale Katastrophenhilfe in Gang gesetzt. „Um 9 Uhr hat uns die Anfrage erreicht, ob wir Patienten aufnehmen können“, sagt Dr. Fatma Topcuoglu. Die Oberärztin leitet das Zentrum für Schwerbrandverletzte am Klinikum Dortmund. „Wir haben sofort angeboten, zwei Patienten aufzunehmen.“ Acht Verletzte aus der Schweiz wurden nach Deutschland geflogen. Die meisten wurden in Kliniken in Süddeutschland verlegt. Im Dortmunder Zentrum werden letztlich keine Patientinnen und Patienten behandelt.

Denn bei der Verteilung der Brandopfer spielte auch ihre Herkunft eine Rolle. Unter den verletzten und getöteten Menschen sind keine deutschen Opfer. Die Verletzten kommen vor allem aus der Schweiz, Frankreich und Italien. „Schwerbrandverletzte müssen meist über mehrere Monate behandelt werden. Das ist für die Betroffenen selbst, aber auch für die Angehörigen eine äußerst belastende Zeit“, sagt Fatma Topcuoglu. „Man ist deshalb bemüht, dass die Patienten nach Möglichkeit in der Nähe ihrer Familien behandelt werden. Das zu bewerkstelligen, ist ein extremer organisatorischer Aufwand.“

Aber auch die eigentliche Behandlung ist komplex. „Brandverletzungen sind systemische Erkrankungen. Sie betreffen nicht nur die Haut, sondern alle Organe“, sagt die Oberärztin. Die ersten 48 Stunden nach der Verbrennung seien dabei besonders wichtig, betont die Spezialistin. Tückisch sei, dass die Betroffenen bei schwersten Verletzungen zunächst keine Schmerzen spüren würden, da auch die Nervenenden verbrannt seien. Der Zustand verschlechtere sich dann aber schlagartig. Entscheidend für die Überlebenschancen ist neben weiteren Parametern, die Ausdehnung der Fläche der verbrannten Haut.

20 Liter Flüssigkeit in 24 Stunden für Schwerbrandverletzte

Über Infusionen werde den Betroffenen viel Flüssigkeit mit Mineralien und Vitaminen zugeführt. Innerhalb eines Tages seien das bei großflächigen Verbrennungen bis zu 20 Liter Wasser, sagt Topcuoglu. Bei sehr schweren Verbrennungen könne es zudem nötig sein, Schnitte in der verbrannten Körperoberfläche zur Druckentlastung zu setzen, um Blutgefäße und Muskeln zu schützen.

„Durch die Verbrennung der Haut ist der Schutz vor Keimen nicht mehr vorhanden. Das Risiko von Infektionen ist hoch“, sagt Dr. Topcuoglu. Die Station des Klinikums Dortmund ist deshalb, ähnlich einem Operationssaal, besonders aufgebaut. Wegen der hohen Anforderungen an Hygiene ist jeder Behandlungsplatz mit einer Schleuse ausgestattet.

Die Brandopfer werden mit einem antiseptischen Gel eingerieben, mit Kompressen und Verbänden verbunden. Tägliche Verbandswechsel sind notwendig. Dies könne drei bis vier Stunden pro Patient oder Patientin in Anspruch nehmen, sagt Dr. Topcuoglu – und das bei hohen Temperaturen. Denn die Patientenzimmer und der Operationssaal im Zentrum werden auf 38 Grad aufgeheizt. „Für die Beschäftigten bedeutet das eine hohe körperliche Belastung. Aber wir benötigen die Wärme. Dass die Patientinnen und Patienten auskühlen, ist ansonsten eine große Gefahr, da der Körper so schwer verbrannten Menschen seine Wärme nicht selbst halten kann.“

Langwierige Behandlungen

Aber trotz aller Maßnahmen bleibt das Risiko für Schwerbrandverletze hoch. „Manche sterben auch ein oder zwei Monate nach der Verbrennung. Die Gefahr von Lungenentzündungen, -embolien und Infektionen ist groß“, sagt die Zentrumsleiterin Topcuoglu. „Dass es sich bei den Überlebenden der Brandkatastrophe in der Schweiz um junge Menschen handelt, ist einerseits besonders tragisch, gleichzeitig bedeutet es aber auch, dass ihre Überlebenschancen höher sind.“ Die Regenerationsfähigkeit des Körpers ist im jüngeren Lebensalter höher, zudem leiden sie seltener an Vorerkrankungen.

Klar ist aber: Ihnen stehen langwierige Behandlungen bevor. Vor allem den Patientinnen und Patienten, die noch im Wachstum sind. „Der Körper wächst, aber die Narben wachsen nicht mit“, sagt der Rekonstruktionsspezialist Prof. Hirsch. Oftmals würden Patientinnen und Patienten nach schwersten Verbrennungen ein Leben lang behandelt. Immer wieder seien Operationen notwendig, um das Gewebe anzupassen.

Schnelle und kompetente Hilfe

„Man sieht viel menschliches Leid. Das kann nicht jeder“, sagt Dr. Topcuoglu über die Arbeit im Schwerbrandverletzen-Zentrum. Interdisziplinäre Teams aus Ärzten, Pflegekräften, Ergo- und Physiotherapeuten, Psychologen und Rehabilitationsspezialisten arbeiten eng zusammen und betreuen die Patientinnen und Patienten auch lange über ihren Krankenaufenthalt hinaus. „Auf kaum einer Station hat man so lange mit den Betroffenen zu tun. Die Bindung zwischen den Beschäftigten und Patienten ist groß“, sagt Fatma Topcuoglu. „Patientinnen und Patienten, die mit schwersten Verbrennungen zu uns gekommen sind, besuchen uns oft auch Jahre später noch. Sie haben es geschafft. Sie leben.“

Prof. Hirsch abschließend: „Wenn man einen positiven Aspekt bei all dem Leid dieses Unglücks in Crans-Montana herausgreifen möchte, dann ist es, dass die internationale Zusammenarbeit gut funktioniert hat“, sagt Hirsch. „Und es zeigt die Bedeutung solcher Zentren für Schwerbrandverletzte. Eine Stadt wie Dortmund und die Menschen in der Region können sich glücklich schätzen, dass es hier ein solches Zentrum gibt, damit im Ernstfall schnell und kompetent geholfen werden kann.“

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Matthias Lackmann (verantwortlich)
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