Mehr als 800 Bomber der britischen Luftwaffe griffen in der Nacht vom 23. auf den 24. Mai 1943 Dortmund an. Es war das bis dahin größte Bombardement einer deutschen Großstadt im Zweiten Weltkrieg. Begonnen hatten die Großangriffe der Alliierten Anfang Mai als Reaktion auf Hitlers Angriffskrieg und die deutschen Bombardements englischer Städte.
In der Nacht vom 23. auf den 24. Mai starben in Dortmund mehr als 620 Menschen, über 2.000 Wohnhäuser wurden zerstört. Auch die Kinderklinik, in der zu diesem Zeitpunkt 245 Kinder lagen, war in dieser Nacht von Bomben getroffen worden.
Anlässlich des Kriegsendes in Deutschland vor 81 Jahren und des 150. Jubiläums des Klinikums Dortmund blicken wir zurück in die bewegte Vergangenheit unseres Krankenhauses. Deshalb veröffentlichen wir einen Bericht der Oberin Ria Steins zur Bombennacht in der Kinderklinik, um an die Schrecken des Krieges zu erinnern, die auch vor den Verwundbarsten und Schutzbedürftigsten in unserer Gesellschaft keinen Halt machen:
Bombennacht 23./24. Mai 1943 in der Kinderklinik – ein Erfahrungsbericht
„Seitdem sich die Angriffe auf Westdeutschland häuften, haben wir unsere Kinder abends schon frühzeitig in den Keller gebracht. Es wurde dadurch meist 21 Uhr, ehe Schwestern und Schülerinnen auf ihre Zimmer kamen, aber wir wußten unsere Kinder wenigstens in Sicherheit. So brauchten wir bei Alarm nur noch die Schwerkranken und die Frühgeborenen in den Keller zu bringen.
In der bewußten Nacht hatten wir den 470. Alarm. Es begann um 0.30 Uhr. Fast waren die Schwestern mit dem Transport der letzten Kinder fertig, die damit beauftragte Schwester hatte alle Zimmer auf Nachzügler und Festschlafende nachgesehen, die Lichter im Haus gelöscht; sie war noch mit zwei kranken Schülerinnen im Treppenhaus, als die ersten Bomben in nächster Nähe einschlugen.
Großangriff auf Dortmund
Inzwischen hatte die Betriebsluftschutzzentrale zum Keller durchgegeben. ,Großangriff auf Dortmund'. […] Die eisernen Rationen, Mineralwasser und Kekse, wurden verteilt. Jeder bekam Streichhölzer und Kerzen oder Notlampen. Der Hauptgashahn wurde abgestellt, Trockenmilch und abgekochtes Wasser in den Säuglingszimmern bereitgestellt. Vorsichtshalber wurden Gasmasken […] zurechtgelegt.
Kaum waren wir damit fertig, hörten wir eine sehr laute Detonation, welche begleitet war von einem starken Luftzug. In einigen Kellern waren Fensterrahmen und Scheiben zersplittert und bis auf die Betten geschleudert worden. Zum Glück war keines der Kinder verletzt. Sie wurden in die Gänge gebracht. In der nun folgenden kurzen Pause ging eine Schwester hinauf, öffnete in der dunklen Halle ein Fenster, entdeckte keinen Brand, sondern nur eine Staubfontäne, die sechs Meter hoch war und vom eingestürzten Ärzteflügel herrührte.
Pfeifen und Krachen der Bomben
Im Keller dieses Flügels waren die luftinfektiösen Kinder untergebracht. Die Kellerdecken im vorderen Teil hielten noch. Es gelang trotz starken Flakbeschusses, trotz Pfeifen und Krachen der Bomben, die Kinder unverletzt durch die Toreinfahrt in die Keller der übrigen Infektionsabteilung zu bringen. Den Weg über Schutt und Geröll beleuchtete der Brand der gegenüberliegenden Häuser.
Hinter der letzten Schwester brach ein Teil des Durchganges zusammen. Die Schwestern wollten die Kinder gerade auf die freigemachten Luftschutzbetten legen, als eine neue, viel stärkere Detonation selbst unsere große Klinik erbeben ließ. Der ungeheure Luftdruck verbog unsere eisernen Schleusentüren, schleuderte einige Schwestern gegen die Wand, riß den meisten die Hauben vom Kopf und benahm ihnen den Atem. […] In einen Teil des Infektionsabteilungskellers stürzten Schutt und Geröll. Die Bettstellen waren teils zusammengeknickt. Die Kinder lagen unter Splittern, wie durch ein Wunder unverletzt.

Schwestern stehen vor einem Trümmerfeld
Die Räume waren erfüllt von dichtem Staub; den Kindern wurden schnell nasse Tücher vor Mund und Nase gelegt, was sie sich ruhig gefallen ließen. Einem tracheotomierten Kind mußte die Kanüle gewechselt werden, da Erstickungsgefahr bestand. Es blieb keine andere Wahl, als die Kinder durch die Verbindung in die Keller der nichtinfektiösen Abteilung zu bringen. […] Um 2 Uhr 20, als es draußen etwas ruhiger geworden war, versuchten einige Schwestern aus dem Luftschutzkeller herauszukommen. Die Treppe war mit Glassplittern übersät, sonst aber frei. Wie sah unsere schöne Eingangshalle mit den hohen Fenstern aus! Die Möbel bildeten mit den herausgerissenen Türen und Fensterrahmen auf dem Splitter übersäten Fußboden ein wildes Durcheinander, schrecklich beleuchtet durch den Brand der umliegenden Häuser.
Ein Blick in den Innenhof der Klinik zeigte uns, daß der „Turm", der die eigentliche Klinik um zwei Stockwerke überragte und größtenteils die Zimmer der älteren Schwestern mit eigenen Möbeln enthielt, verschwunden war. Als wir nach dem Angriff auf das flache Dach konnten, sahen wir, daß der Flügel der Infektionsabteilung mit Schwesternwohnungen, Speisesaal, Schwesternküche, Schwesternwohnzimmer und dem anschließenden Ärzteflügel ein Trümmerhaufen war.

Viele obdachlose und rauchvergiftete Kinder
Sogar die Betonwände waren teilweise gerissen. [...] Aus dem brennenden Johanneshospital wurde uns ein Teil der Patienten der Infektionsabteilung gebracht. [...]
Obdachlose Nachbarn suchten Hilfe und Zuflucht bei uns. Dann begannen wir mit den Aufräumungsarbeiten.
Es kamen viele obdachlose und rauchvergiftete Kinder aus den stärker betroffenen Stadtteilen zur Aufnahme; besorgte Eltern erkundigten sich nach dem Ergehen ihrer Kinder. Wir waren sehr froh, ihnen sagen zu können, daß keinem der 245 Kinder etwas geschehen war. […] Wir haben dann tagelang ohne Licht und Gas und teilweise ohne Wasser mit den Kindern und Schwestern im Keller gelebt.“
Insgesamt erlebte Dortmund im Zweiten Weltkrieg mehr als 100 Luftangriffe, darunter acht Großangriffe. Viele Menschen hatten weniger Glück und keine so mutigen Krankenschwestern zur Seite wie die Kinder in der Nacht zum 24. Mai 1943. Insgesamt starben in Dortmund durch Luftangriffe schätzungsweise 7.000 Menschen. Mehr als 90 Prozent der Innenstadt wurde zerstört.



