Kribbeln in den Füßen, taube Zehen oder das Gefühl, auf Watte zu laufen: Solche Beschwerden kennen viele Menschen. Entsprechend groß war das Interesse am jüngsten mediTALK des Klinikums Dortmund. Rund 500 Besucherinnen und Besucher kamen in die Magistrale des Klinikzentrums Mitte, um den Vortrag „Wenn die Füße kribbeln – Polyneuropathie: Symptome, Diagnose, Behandlung“ von Prof. Dr. Gisa Ellrichmann-Wilms zu verfolgen.
Die Direktorin der Klinik für Neurologie machte gleich zu Beginn deutlich, dass hinter dem Begriff Polyneuropathie keine einzelne Erkrankung steckt. Gemeint sind Schädigungen des peripheren Nervensystems – also jener Nerven, die außerhalb von Gehirn und Rückenmark liegen. Sie sorgen dafür, dass Berührungen, Temperatur oder Schmerzen wahrgenommen, Muskeln bewegt und bestimmte Körperfunktionen gesteuert werden können.
Häufigste Ursache ist Diabetes
Wie sich eine Polyneuropathie bemerkbar macht, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Viele Betroffene berichten von Kribbeln, Taubheitsgefühlen oder dem Gefühl, auf Watte zu laufen. Auch Schmerzen, Muskelschwäche oder ein unsicherer Gang können auftreten.
Die Gründe für eine Polyneuropathie sind vielfältig. Zu den häufigsten Ursachen zählt Diabetes mellitus. Auch Alkoholkonsum, Medikamente (besonders Chemotherapeutika), Vitaminmangel, Infektionen oder Autoimmunerkrankungen können die Nerven schädigen. Auch bleibt die Ursache trotz umfangreicher Untersuchungen bei einem Teil der Betroffenen ungeklärt. Das Risiko mit zunehmendem Alter.
Erkrankung verlauft sehr unterschiedlich
„Nicht jedes Kribbeln bedeutet automatisch, dass eine Polyneuropathie vorliegt“, betonte Ellrichmann-Wilms. Dennoch sei es wichtig, Beschwerden ernst zu nehmen und frühzeitig abklären zu lassen. Je früher die Ursache erkannt werde, desto besser lasse sich häufig gegensteuern.
Dass die Erkrankung sehr unterschiedlich verlaufen kann, verdeutlichte die Neurologin mit einem anschaulichen Vergleich: Der Verlauf gleiche manchmal einem Aktienkurs – mal gehe es aufwärts, mal abwärts, manchmal verschlechterten sich die Beschwerden schleichend, manchmal besserten sie sich wieder. Deshalb lasse sich kaum ein Patient mit dem anderen vergleichen.
Zur Diagnose gehören ein ausführliches Gespräch, körperliche Untersuchungen und Bluttests. Je nach Verdacht müssen weitere spezielle Untersuchungen folgen.
Wichtiger Faktor: regelmäßige Übungen zu Hause
Bei der Behandlung steht zunächst die Ursache im Mittelpunkt. Besonders wichtig seien jedoch Maßnahmen, die die Beweglichkeit erhalten und Beschwerden lindern. Physiotherapie, Ergotherapie und verschiedene Formen der Elektrotherapie spielen dabei eine zentrale Rolle.
„Einmal pro Woche 20 Minuten Therapie reichen nicht aus. Lassen Sie sich Übungen zeigen und machen Sie diese regelmäßig selbstständig zu Hause. Das ist oft der entscheidende Faktor für den Erfolg“, sagte Ellrichmann-Wilms. Eine Tablette einzunehmen sei zwar einfacher, ersetze aber die aktive Mitarbeit nicht.
Darüber hinaus empfahl die Neurologin Bewegung im Alltag, Spaziergänge, Gleichgewichtsübungen, Sensibilitätstraining mit einem Noppenball oder Wechselbäder mit warmem und kaltem Wasser. „Viele dieser Übungen können Sie ganz unkompliziert zu Hause durchführen. Dafür brauchen Sie keine Verordnung vom Arzt“, ermutigte sie die Zuhörerinnen und Zuhörer.
Große Resonanz auf den Vortrag
Ergänzend stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung. Je nach Beschwerden kommen unter anderem Medikamente aus der Epilepsiebehandlung, Schmerzpflaster mit Capsaicin, selten medizinisches Cannabis oder auch opioidhaltige Schmerzmittel zum Einsatz. Andere Formen werden mit Cortison, Immunglobulinen oder speziellen Medikamenten, z.B. Antikörpern, behandelt.
Die große Resonanz auf den Vortrag zeigte eindrucksvoll, wie viele Menschen von dem Thema betroffen sind oder Angehörige mit entsprechenden Beschwerden begleiten. Nach dem Vortrag nutzten zahlreiche Besucherinnen und Besucher die Gelegenheit, persönliche Fragen an die Expertin zu stellen.
Wer den mediTALK verpasst hat, findet die Aufzeichnung auf unserem YouTube-Kanal
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