„Ich fühle mich deutlich fitter. Nach meiner letzten OP hatte ich mit Migräne zu kämpfen“, sagt Kornelia Köller einen Tag nach ihrer Schilddrüsen-Operation am Klinikum Dortmund. Diesen Unterschied führt die 59-Jährige auch darauf zurück, dass sie diesmal bis kurz vor der OP Wasser trinken durfte. Diese Änderung hat das Klinikum Ende März als bislang einziges Krankenhaus in Dortmund eingeführt, um das Wohlbefinden von Patientinnen und Patienten vor und nach Eingriffen mit Vollnarkose weiter zu verbessern.
Die bis dahin letzte OP Kornelia Köllers liegt Jahre zurück, doch die Bochumerin erinnert sich gut an den Durst vor dem Eingriff und ihr Gefühl danach. Sie sei erst am Nachmittag operiert worden. Getrunken habe sie damals vor dem Schlafengehen nichts mehr. „Ich war gefühlt schon dehydriert“, sagt die Bochumerin. „Und dann wurde meine OP noch weiter nach hinten verschoben. Das war eine Katastrophe. Dass das Klinikum Dortmund das nun anders macht, finde ich ganz toll. Es ist viel angenehmer.“
Trinken ausdrücklich erwünscht
Patientinnen und Patienten am Klinikum Dortmund dürfen seit April bis zum Abruf in den Operationssaal trinken – und werden dazu ausdrücklich animiert. Erlaubt sind Wasser, Tee, schwarzer Kaffee sowie klare Fruchtsäfte ohne Fruchtfleisch. „Grob gilt die Regel: Man darf alles trinken, durch das man durchschauen kann – und Kaffee“, sagt Anästhesiearzt Jonas van Bömmel-Wegmann, der das Projekt am Klinikum Dortmund betreut. Feste Nahrung bleibt weiterhin mindestens sechs Stunden vor der Operation verboten.
Viele Patientinnen und Patienten kannten vor einer Operation nur eine Regel: Ab Mitternacht nichts mehr essen und nichts mehr trinken. Tatsächlich galt am Klinikum Dortmund den bisherigen medizinischen Leitlinien folgend, bislang ein Trinkverzicht von zwei Stunden vor der Operation. Interne Auswertungen zeigten jedoch: In der Praxis tranken viele Patientinnen und Patienten deutlich länger keine Flüssigkeit. Außerdem bemerkten die Mitarbeitenden, dass gerade ältere Patientinnen und Patienten ihre Medikamente nicht eingenommen hatten, weil sie dies oftmals nur mit Flüssigkeit konnten.
Trockener Mund vor der OP ist Vergangenheit
Marlene Gwargios liegt auf demselben Zimmer wie Kornelia Köller. Sie erinnere sich noch, wie trocken ihr Mund bei einer vorherigen Operation war. „Es war, als hätte ich eine Wüste im Mund und durfte nicht trinken“, sagt die 65-Jährige. Diese Probleme habe sie diesmal nicht gehabt. „Ich trinke nachts immer ziemlich viel. Es war super, dass ich das vor dieser OP nun konnte. Das ist eine tolle Sache.“
Die bisherigen Trinkregeln ergaben sich durch die Sorge, dass während einer Narkose Flüssigkeit vom Magen in die Lunge gelangen kann. Wissenschaftliche Studien zeigen jedoch, dass das Trinken klarer Flüssigkeiten in der Regel das Risiko nicht erhöht. Die Flüssigkeiten haben den Magen nach circa 15 Minuten bereits wieder verlassen.
Kein Anstieg von Komplikationen, aber mehr Patientenzufriedenheit
„Auf keinen Fall sehen wir durch die Einführung der neuen Regel einen Anstieg der Komplikationen. Aber wir sehen einen deutlichen Anstieg der Patientenzufriedenheit“, sagt Dr. Natalia Bienek, Leitende Oberärztin in der Anästhesie. Gerade bei hohen Temperaturen und Operationen später am Tag sei sie von großem Vorteil für die Patientinnen und Patienten.
Außerdem wurde nachgewiesen, dass bei ausreichender Trinkmenge das Risiko für ein Delir (Verwirrtheit) nach der OP niedriger ist. Auch die Anzahl gefährlicher Blutdruckabfälle während der Narkose sinkt. Zudem verkürzt sich oft die Aufenthaltsdauer auf der Intensivstation und im Krankenhaus generell. „Narkosen sind sicher, trotzdem bedeuten sie für den Körper eine Belastung. Deshalb sollten Patientinnen und Patienten nicht länger als notwendig auf Essen und Trinken verzichten“, sagt Prof. Dr. Richard Ellerkmann, der Direktor der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin, Schmerz- und Palliativmedizin.
Individuelle Entscheidung für Patientinnen und Patienten
Bei der Besprechung der OP teilen Anästhesistinnen und Anästhesisten im Vorfeld farblich unterschiedliche „Nüchternheitskarten“ aus, die sowohl den Patientinnen und Patienten als auch den Beschäftigten die individuell getroffene Entscheidung signalisieren. Zusätzlich wird deutlich vermerkt, welche Patientinnen und Patienten aufgrund spezieller Eingriffe oder bestimmter Erkrankungen von dem neuen Vorgehen ausgenommen sind.
Schon andere Krankenhäuser in Deutschland haben mit einer Umstellung gute Erfahrungen gemacht. „Das Trinkkonzept kommt bei den Patientinnen und Patienten sehr gut an. Wahrscheinlich erinnern sich viele noch an die lange Nüchternheit oder den trockenen Mund vor der letzten OP aufgrund der damals vorgeschriebenen Nüchternheit“, sagt Prof. Ellerkmann. Gerade bei älteren Patientinnen und Patienten seien die vorherigen Regeln noch fest verankert, sagt der Klinikdirektor. „Da müssen wir etwas Aufklärungsarbeit leisten. Das machen wir aus voller Überzeugung. Die Daten und die bisherige Erfahrung zeigen: Es ist zum Wohle unserer Patientinnen und Patienten.“