Chronische Schmerzen sind komplex und verdienen eine eigenständige Therapie. Gerade bei langjährigen und komplexen Erkrankungen liegt unser Augenmerk auf einer stationären Therapie, um einen individuellen Therapieansatz entwickeln zu können.
Das Konzept der interdisziplinären multimodalen Schmerztherapie beruht auf dem bio-psycho-sozialen Modell. Das bedeutet, dass all Ihre persönlichen Faktoren (Bewegungseinschränkungen, psychosoziale Faktoren, Schmerzmechanismen und Einschränkungen im täglichen Leben) zusammen auf Ihr Schmerzgeschehen wirken.
Innerhalb der interdisziplinären multimodalen Schmerztherapie stehen Sie als Patientin oder Patient im Mittelpunkt. Während ihres circa dreiwöchigen stationären Aufenthaltes werden wir zusammen mit Ihnen ihre schmerzaufrechterhaltenden Faktoren analysieren und Strategien entwickeln, damit Sie in Ihren Alltag zurück finden können.
Kriterien zur Aufnahme einer stationären Schmerztherapie
Um Patientinnen und Patienten stationär behandeln zu dürfen, müssen einige Kriterien erfüllt sein. Dafür vereinbaren wir vorweg immer einen ambulanten Termin mit Ihnen, bei dem wir Ihre Beschwerden und die bisherige Behandlung dokumentieren und gemeinsam festlegen, ob eine ambulante oder stationäre Therapie notwendig bzw. sinnvoll ist.
Stationäre interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie kann durchgeführt werden, wenn mehrere der folgenden Aspekte vorliegen
- Ambulante Vorbehandlungen sind in ausreichendem Maß erfolgt und nicht genügend hilfreich.
- Es liegt eine nachvollziehbare akute Schmerzverschlimmerung vor, die ambulant nicht zu beherrschen ist.
- Die Arbeits- und Alltagsfähigkeit ist bedroht oder bereits deutlich beeinträchtigt.
- Es bestehen Begleiterkrankungen, die die Überwachung und/oder Mitbehandlung unter den besonderen Mitteln des Krankenhauses erforderlich machen.
- Es gibt eine Medikamentenproblematik, z.B. muss ein Opioidentzug gemacht werden, eine Schmerzmittelumstellung erfolgen oder es liegt ein Schmerzmittelübergebrauch vor.
- Eine anhaltende Schmerzchronifizierung bei Erkrankungen wie CRPS oder Postzosterneuralgie droht.
- Es bestehen schmerzunterhaltende psychische Begleiterkrankungen, die es schwierig machen allein den Weg aus dem chronischen Schmerz zu finden (z.B. Depressionen, Angststörungen, PTBS etc.).
Um diese Kriterien belegen zu können, brauchen wir Ihre Angaben und ggf. Vorbehandlungsunterlagen wie Briefe oder einen Leistungsauszug Ihrer Krankenkasse, den Sie selber bei Ihrer Krankenkasse anfordern können.
Therapieangebote
Im folgenden möchten wir Ihnen die Säulen der interdisziplinären multimodalen Schmerztherapie vorstellen.
Bei der im Team stattfindenden stationären interdisziplinären multimodalen Schmerztherapie tragen Ärztinnen und Ärzte die rechtliche und medizinische Verantwortung und sind für die Vergabe der korrekten Diagnosen und das Erstellen des Entlassungsbriefes zuständig. Täglich wird bei der Teambesprechung der aktuelle Therapiestand mit den anderen Kolleginnen und Kollegen diskutiert und der Behandlungsplan gegebenenfalls angepasst.
Unser Ablauf mit Ihnen
Visite: Montags, dienstags, donnerstags, freitags und sonntags ab 9:00 Uhr
Einzelgespräche: zur Anamneseerhebung und körperlichen Untersuchung am Aufnahmetag, im Halbzeitgespräch zusammen mit dem Behandlungsteam, Entlassgespräch mit Besprechung des Briefes und der Empfehlungen zur weiteren Behandlung
Schulung zu Schmerzmitteln: Donnerstags und freitags je 1 Stunde in der Patientengruppe
Individuelle Themen:
- Medikamentenentzug (Kopfschmerzmittel, Opioide)
- Optimierung der analgetischen Therapie
- Koordinierung weiterer gegebenenfalls notwendiger Diagnostik und Therapie
- Therapie von Begleiterkrankungen
- Ausgabe und Besprechung von Informationsmaterialien zur Grunderkrankung und Begleitproblemen
Perzeptives Schmerzkonzept
Unter dem perzeptiven Schmerzkonzept werden die folgenden Anwendungen gefasst:
- Wärme- und Kälteanwendungen
- TENS
- Schmerzreduzierte Lagerung
- Entspannung/Entspannungsverfahren
- Ablenkung/Imagination
Wärme- und Kälteanwendungen
Bei Beschwerden des Bewegungsapparates wird schon seit Jahrzehnten auf die gute Wirkung von Wärme und Kälte zurückgegriffen. Jeder weiß wie wohltuend eine Wärmeflasche bei Bauchschmerzen und Verspannungen sein kann, aber auch eine Sportverletzung kann mit einem einfachen Coolpack eine Schmerzlinderung bringen. Ein gezielter Einsatz von Kälte- oder Wärmetherapie kann die Schmerzen reduzieren und die Einnahme von Schmerzmitteln verringern.
Schmerzreduzierte Lagerung
Die Lagerung ist eine ergänzende Maßnahme zu anderen therapeutischen Interaktionen. Es wird eine positive Wirkung auf die Schmerz-und Wundsituation postoperativ ausgeübt. Diese ist stets individuell an den Patienten anzupassen. Die Anwendung von Lagerungshilfsmitteln (Schienen oder Kissen), um die betroffene Extremität zu entlasten oder schmerzarm zu lagern ist ggf. hilfreich.
Entspannung/Entspannungsverfahren
Für einen besseren Umgang mit den Schmerzen und einer Regulation des vegetativen Nervensystems ist es wichtig die Wahrnehmungs-, Konzentrations- und Entspannungsfähigkeit zu schulen. Mehr Informationen zum Thema Entspannung finden Sie unter STATION _ ENTSPANNUNG.
Ablenkung/Imagination
Als Imagination bezeichnet man dynamische, psychophysiologische Prozesse, denen auf der Vorstellungsebene realitätsnahe Wahrnehmungen (z.B. Bilder, Geräusche, Gerüche) unterschiedlicher Sinnesqualitäten erzeugt werden, ohne durch reale Reize von außen ausgelöst worden zu sein. Imagination wird eingesetzt um, dysfunktionales Verhalten abzubauen, Erkrankungssymptome (wie Schmerzen) zu lindern und das Wohlbefinden während der Behandlung zu erhöhen. Durch Musik, einen passenden Raumduft oder der Besuch des Patienten kann zu einer entspannten Situation führen und so vom Schmerz ablenken.
TENS
TENS ist die transkutane elektrische Nervenstimulation, eine Applikation elektrischer Impulse, die durch die Haut auf die Nerven einwirkt. Durch die TENS Therapie kommt es zur Stimulation der Nerven und somit wird die Schmerzwahrnehmung reduziert bzw. ganz aufgehoben. Die Schmerzübertragung ans Gehirn wird gehemmt, da jeder Reiz durch einen anderen überdeckt werden kann. Zudem kommt es bei der Anwendung von TENS zur Ausschüttung körpereigener Opioidpetide.
TENS kann abhängig von der elektrischen Impulse pro Sekunde auf unterschiedliche Arten wirken. Niederfrequent und hohe Intensität verstärkt die Freisetzung körpereigener Opioidpetide und dämpft so die Schmerzwahrnehmung. TENS mit höherer Frequenz hemmt die Schmerzweiterleitung, sodass ein angenehmes Kribbeln oder Wärmeempfinden wahrgenommen wird. TENS kann sowohl bei akuten als auch bei chronischen Schmerzen zum Einsatz kommen. Ein Behandlungsversuch lohnt sich immer!
Bei Patientinnen und Patienten mit chronischem Schmerz wird zusätzlich zu medizinischen Maßnahmen häufig die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) angewendet. Dieses Verfahren geht davon aus, dass die Art und Weise, wie wir mit unseren Gedanken, Gefühlen und unserem Verhalten auf Stress im Alltag reagieren, körperliche Schmerzen aufrechterhält oder sogar verstärkt. Auch der Schmerz selbst kann ein hoher Stressfaktor sein. Schmerzzustände, die durch psychischen Stress allein verursacht werden sind eher selten. Da es sich um komplexe Wechselwirkungen zwischen Psyche und Körper handeln kann, ist eine gute Zusammenarbeit zwischen dem behandelnden Arzt und einem wenn möglich auf Schmerz spezialisierten Psychotherapeuten notwendig.
In einem gut organisierten Körper wirken die unterschiedlichen Strukturen wie Gelenke, Muskeln, Faszien, Knochen und Körperchemie im Sinne eines dynamischen Gleichgewichtes zusammen. Der Körper sollte somit als funktionelle Einheit betrachtet und behandelt werden. Den Störungen innerhalb dieser Funktionseinheit können vielfältige Aspekte zu Grunde liegen.
So kann beispielsweise eine Gelenkblockade, ein Muskelungleichgewicht, Einschränkungen der bindegewebigen Faszien oder ein Koordinationsproblem ursächlich sein.
In der Regel lässt sich eine Kombination verschiedener Ursachen ausmachen, sodass auch in der Behandlung verschiedene Therapieformen zur Anwendung kommen.
Während die Manuelle Therapie hauptsächlich im Bereich der Gelenke und des knöchernen Systems eingesetzt wird, erreicht die Osteopathie mehr die elastischen Strukturen wie Muskeln/Faszien und Organe.
Die Medizinische Trainingstherapie stellt dann im Vergleich zu den vorangegangenen eher passiven Therapieformen den aktiven Bereich dar. Hier werden die wiedererlangten Bewegungen und Fähigkeiten aktiv unterstützt, geschult und erweitert.
Ergotherapie in der Schmerzmedizin bedeutet Grundlagen für die häusliche, berufliche und private Gestaltung zu schaffen. Aufgrund dieser großen Bandbreite in der Alltagsgestaltung des menschlichen Lebens, gibt es folglich diverse Bereiche in denen Grundlagen trainiert werden können. Das ergotherapeutische Angebot besteht also aus einem Mix aus unterschiedlichsten kognitiven und körperlichen Aspekten.
Sensibilitätstraining bei Nervenerkrankungen bzw. Nervenschädigung oder mangelnder Körperwahrnehmung, z.B. der Anwendung von Raps oder Paraffin
propriozeptive Training: Gleichgewichtstraining, Gewichtsverlagerung im Sitzen, Stehen oder Liegen, die Schulung der Wahrnehmung des Körpers und der eigenen Körperteile im Verhältnis zum Raum Gelenkschutzprogramm bei rheumatoiden Erkrankungen Hilfsmittelberatung mit der Devise „So viele Hilfsmittel wie nötig und so wenig wie möglich“.
Alltagstraining (wie Anzieh- und Duschtraining), und die Beachtung von individuellen Bedürfnissen, die im Alltag wieder erreicht werden sollen. Spiegeltherapie und die Anwendung dieser mithilfe einer entsprechenden App und eines iPads zum Einsatz.
Im Zentrum der Ergotherapie steht die Handlungsfähigkeit im Alltag.
Die Musiktherapie stellt einen Baustein in der multimodalen Schmerztherapie dar und findet im Einzel- und Gruppensetting statt. Die non-verbale Therapieform macht sich die vielfältigen Wirkweisen der Musik auf der psychischen-emotionalen, sozialen und körperlichen Ebene zu nutze.
Davon ausgehend, dass jeder Mensch einen Zugang zur Musik hat, werden bereits vorhandene oder „schlummernde“ Ressourcen genutzt und in den aktiven musikalischen Prozess einbezogen. Die Musiktherapie bietet eine kreative Möglichkeit mit sich selbst und dem inneren Erleben in Kontakt zu kommen und dabei neue Seiten an sich zu entdecken. Durch ein positives Gruppenerleben kann eine Stimmungsaufhellung und eine Linderung der Schmerzwahrnehmung eintreten. Die Musiktherapie wirkt aktivierend, aber auch entspannend. Auf einer physischen Ebene kann es zu einer Verbesserung der Bewegungs- und Koordinierungsfähigkeit kommen.
Zur Teilnahme an der Musiktherapie sind keine musikalischen Vorerfahrungen nötig.
Als zusätzlicher Therapiebaustein bei Schmerzen können Entspannungsverfahren den Behandlungserfolg beschleunigen oder festigen. Alle Entspannungsverfahren verbessern die Selbstkontrolle der Patientinnen und Patienten über seine bzw. ihre körperlichen Zustände und mindern so das Gefühl, dem Schmerz ausgeliefert zu sein.
Autogenes Training
Im Vordergrund des Autogenen Trainings steht die Selbstentspannung bzw. die Fähigkeit zur Selbstentspannung, die sich mittels autosuggestiver (sich selbst beeinflussender) Übungen verbessern soll. Die bewusste Konzentration auf den eigenen Körper führt beim Autogenen Training über eine intensive Körperwahrnehmung zu tiefer innerer Entspannung, Ruhe und Ausgeglichenheit. Regelmäßig angewendet, kann Autogenes Training insbesondere stressbedingte oder stressverursachende Beschwerden dauerhaft lindern oder sogar beheben.
Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen
Das Prinzip der Entspannung beruht bei der progressiven Muskelentspannung auf der nacheinander erfolgenden Anspannung einzelner, definierter Muskelpartien. Die Reihenfolge ist dabei festgelegt. Die Anspannung der entsprechenden Muskeln soll dabei kurz erfolgen (5-7 Sekunden). Im Anschluss an die Anspannung erfolgt eine bewusste Entspannung (30-45 Sekunden). Dabei sollen Sie Ihre Konzentration bewusst auf die zwei unterschiedlichen Zustände zwischen Spannung und Entspannung richten und sich dem Unterschied genau bewusst werden. Achten Sie bei den Übungen darauf, nicht zu stark anzuspannen und konzentrieren Sie sich während der Entspannungsphasen auf die Empfindungen in den zuvor angespannten Muskelgruppen.
Phantasiereisen
Phantasiereisen können als Entspannungstechnik benutzt werden, um die Aufmerksamkeit von belastenden Ereignissen abzulenken und den Fokus auf schöne Erinnerungen oder Vorstellungen zu richten.
Bitte bringen Sie zur stationären Aufnahme folgende Dinge mit
- einen Bundesmedikationsplan vom Haus- oder Facharzt. Falls Sie weniger als drei Medikamente regelmäßig nehmen (ab 3 Medikamenten regelmäßig haben Sie als Patient ein Anrecht auf die Ausstellung dieses Dokuments), schreiben Sie diese bitte auf, mit vollständigem Namen, Dosierung und Art der Einnahme
- ihre Medikation für die ersten Tage bzw. bei speziellen Medikamenten (Tumortherapien, Immuntherapien, Hormonersatztherapien) bei denen die Bestellung in der Apotheke längere Zeit benötigt ggf. auch für den ganzen Aufenthalt
- spezielle Materialien wie z.B. für Ernährungspumpen, Medikamentenpumpe, spezielle Stomaversorgungen, spezielle Urinkatheter, Blutzuckersensoren (bei Gewebemessung) bitte in ausreichender Menge mitbringen.
- Sportschuhe und -kleidung. Wir werden uns viel miteinander bewegen.
- ihre medizinischen Hilfsmittel (Rollator, Rollstuhl, CPAP-Gerät, Orthesen, Sauerstoffkonzentratoren etc.)
- wenn sie mögen ggf. einen USB Stick, wir bieten Ihnen an darauf unsere Entspannungseinheiten für den weiteren Gebrauch zuhause für Sie abzuspeichern. Damit wir uns keine Viren, Schadsoftware etc. einschleppen, bringen Sie bitte nur einen neu gekauften Stick mit, wenige Gigabyte reichen.
Wir sind gern für Sie da.
In unserer Klinik stehen Sie als Mensch im Mittelpunkt. Wir begleiten Sie mit medizinischer Expertise, moderner Diagnostik und einer Behandlung, die sich an Ihren individuellen Bedürfnissen orientiert. Dabei haben wir ein Ohr für Ihre Fragen, Ihre Sorgen und alles, was Ihnen wichtig ist.
Unser interdisziplinäres Team arbeitet Hand in Hand, um Ihnen eine bestmögliche Versorgung zu bieten – kompetent, verlässlich und mit einem hohen Anspruch an Qualität und Sicherheit. Vom ersten Gespräch bis zur Nachsorge sind wir an Ihrer Seite und unterstützen Sie Schritt für Schritt.
Schmerzambulanz
Sprechzeiten (Termine nur nach Vereinbarung!)
Montag bis Freitag: 09.00 bis 12.00 Uhr
Montag bis Donnerstag: 13.00 bis 15.00 Uhr (Freitag Mittag keine Sprechzeiten)
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Tel.: +49 231 953 21386
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