Herr Prof. Lüring, wie verläuft eine Roboter-assistierte Operation des Kniegelenks im Gegensatz zu der herkömmlichen Methode?
Bei der roboterassistierten Kniegelenksersatz-Operation wird im ersten Schritt die knöcherne Oberfläche des Kniegelenkes durch ein Tastinstrument abgegriffen. Aus dieser Information generiert der Computer ein Modell des patientenindividuellen Kniegelenks und passt die Lage des Implantates exakt an die Erfordernisse an. Dieser erste Plan kann vom erfahrenen Operateur angepasst und verändert werden. In einem weiteren Schritt wird dann der Knochen mit einer roboterassistierten Säge zur Aufnahme der Prothese vorbereitet. Dabei ist wichtig zu verstehen, dass der Operateur diese führt und sie nur da sägt, wo gesägt werden soll. Das bedeutet, dass die erforderlichen Sägeschnitte wesentlich präziser ausgeführt werden können. Es ist also weiterhin so, dass der Operateur die Operation durchführt. Er wird vom robotischen System in seiner Genauigkeit und Reproduzierbarkeit unterstützt.
Wie genau arbeitet das System?
Der Roboter hat eine Genauigkeit von etwa 0,5 bis 1 mm bzw. 0,5 bis 1 Grad und ist somit wesentlich genauer als das menschliche Auge es umsetzen könnte.
Ergeben sich auch bei der notwendigen Bildgebung (CT, MRT) Änderungen durch den Einsatz des Roboters?
Für eine robotische Operation sind keine weiteren bildgebenden Verfahren wie zum Beispiel ein CT oder ein MRT erforderlich. Wir führen wie üblich konventionelle Röntgenbilder zur Planung der Operation durch. Alle anderen notwendigen Informationen werden während der Operation durch den Roboter erfasst.
Wer trifft die Entscheidungen über Schnitte und Vorgehen – der Roboter oder der Chirurg? Wer hat die Kontrolle über Säge und Fräse?
Der Operateur ist derjenige, der die Operation durchführt. Es ist also nicht die Maschine, die den Patienten operiert, sondern weiterhin der Operateur. Er wird vom Roboter lediglich in der Präzision wesentlich unterstützt. Man kann das mit dem Navigationssystem in einem Auto vergleichen: Man gibt das gewünschte Ziel ein und die Maschine unterstützt dabei, den besten Weg zu finden.
Werden Betroffenen vor dem Eingriff über den Einsatz des Roboters informiert oder müssen dem sogar zustimmen?
Alle Patientinnen, die sich einer Kniegelenksersatz-Operation unterziehen, die mit Unterstützung des Roboters durchgeführt wird, werden darüber informiert und aufgeklärt. Da es sich um ein zertifiziertes System handelt, ist eine explizite Zustimmung nicht notwendig. Sollte aber ein Patient nicht mit Unterstützung des Roboters operiert werden wollen, ist das kein Problem. Wir können weiterhin die Operation auch freihand durchführen.
Welche Vorteile hat die Roboter-Unterstützung für die Patientin oder den Patienten? Gibt es Krankheitsbilder, bei denen der Einsatz besonders sinnvoll ist?
Insbesondere bei schweren Beinachsfehlstellung, Instabilitäten und komplexen Formen der Arthrose ist die Unterstützung des Roboters sehr wertvoll. Er unterstützt den Operateur bei der optimalen Implantation des Gelenks und simuliert in der Operation die Lage des Implantates, die Korrektur der Beinachse und auch die Stabilität der Seitenbänder. Dies ist vollständig neu und führt letztlich dazu, dass die Kniegelenke noch besser implantiert werden können.
Bei welchen Punkten hilft der Roboter dem Chirurgen am meisten?
Der Hauptaspekt ist die Präzision. Bei der Operation sägt die robotische Säge exakt da, wo gesägt werden soll. Der Chirurg wird auch während der Operation mit einem Planungsvorschlag unterstützt, den er an die Gegebenheiten der individuellen Patientin oder des Patienten anpassen kann. Somit liegt der Hauptvorteil in der Genauigkeit beim Einbau der Prothese. Studiendaten zeigen, dass die Rekonstruktion der Beinachse und die Stabilität der Seitenbänder nach robotischen Operation besser sind, als wenn freihand operiert wird.
Was bedeutet die Unterstützung im Hinblick auf Schmerzen nach der OP, Mobilisation, Dauer des Krankenhausaufenthalts und Rehabilitation?
Da die Operation grundsätzlich ähnlich abläuft wie in der Freihandtechnik sind die Schmerzen nach der Operation nicht wesentlich anders. Erste Studienergebnisse weisen aber darauf hin, dass aufgrund der besseren Beinachsen-Rekonstruktion und auch der Bandstabilität des Gelenkes die Mobilisation rascher erfolgen kann und damit auch die Dauer des Krankenhausaufenthaltes etwas verkürzt werden kann. Letztlich geht es aber nicht um Geschwindigkeit, sondern vor allen Dingen um Präzision und ein dauerhaftes Funktionieren des Implantates.
Gibt es auch langfristige Auswirkungen, etwa was die Haltbarkeit des Implantats angeht?
Wir vermuten, dass Implantate, die präzise eingesetzt werden, auch eine längere Haltbarkeit haben könnten. Aktuell dürfen wir davon ausgehen, dass ein künstliches Kniegelenk bis zu 20 Jahre seinen Dienst leistet.
Gibt es auch Kontraindikationen, die gegen einen Einsatz des Roboters sprechen?
Kontraindikation gibt es keine. Letztlich kann jeder Patient, jede Patientin unter Verwendung eines robotischen Systems operiert werden.
Was bedeutet die Anschaffung des innovativen OP-Roboters für die Leistungsfähigkeit der Orthopädischen Klinik?
Nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt werden die Menschen immer älter und sind deswegen häufiger von Arthrose betroffen. Daher steigt die Anzahl der Kniegelenks-Ersatzoperationen seit Jahren an. Das Krankenhausstrukturgesetz in Nordrhein-Westfalen hat darüber hinaus dazu geführt, dass die großen Zentren mit höchster Expertise bei Gelenkersatzoperation, wie die Orthopädische Klinik am Klinikum Dortmund, diese Operation schwerpunktmäßig durchführen sollen. Daher können wir unserem Auftrag für die Stadtgesellschaft noch besser und präziser nachkommen und die Operationsergebnisse weiter verbessern. Wir gehen davon aus, dass wir noch mehr Patientinnen und Patienten mit einem künstlichen Kniegelenk versorgen können und versorgen müssen. Insgesamt zeigt der Einsatz des Knie-Roboters die Innovationskraft, die von der orthopädischen Klinik am Klinikum Dortmund ausgeht.