Eigentlich war Vorfreude das vorherrschende Gefühl bei Christina Pietrowski, als sie im vergangenen Jahr mit ihrem Sohn Mats schwanger war. Doch plötzlich waren da diese Schmerzen beim Gehen, so stark, dass die Dortmunderin ihre Beine fast nicht mehr bewegen konnte. „Es waren die schlimmsten Schmerzen, die ich je hatte“, erinnert sich Christina Pietrowski. Sie seien schlimmer gewesen als bei der Geburt ihres ersten Sohnes. „Teils waren sie so stark, dass ich nur noch stehen, aber keinen Schritt mehr machen konnte.“
Zunächst waren ihre Gynäkologin und ihr Orthopäde von Schwangerschaftsbeschwerden oder einer Blockade des Ischiasnervs ausgegangen, ehe sie die werdende Mutter zur Abklärung ins Klinikum Dortmund überwiesen hatten. Dort wurde in der Radiologie ein Tumor im Spinalkanal diagnostiziert.
Tumor drohte, Nerven zu schädigen
„Diese knöcherne Ummantelung soll eigentlich die Nerven im Rücken schützen, die zu den Beinen ziehen“, erklärt Prof. Dr. Oliver Müller, Direktor der Neurochirurgie. „Der Tumor wuchs weiter und war bereits so groß, dass er auf die Nerven drückte und drohte, diese nachhaltig zu schädigen.“ Die Ärzte entschieden deshalb, dass sie nicht bis zum Ende der Schwangerschaft warten konnten und operieren mussten.
„Ich war natürlich völlig aufgelöst“, sagt Christina Pietrowski. „Es geht einem alles Mögliche durch den Kopf. Ist der Tumor gut- oder bösartig? Was ist mit meinem Kind im Bauch? Wird mein Leben wieder wie zuvor? Kann ich je wieder laufen?“ Für sie und ihre Familie ist die Ungewissheit belastend. Und auch das interdisziplinäre Team des Klinikums aus Neurochirurgie, Gynäkologie und Anästhesie stellt der Fall vor Herausforderungen. Christina Pietrowski ist zum Zeitpunkt der OP in der 30. Schwangerschaftswoche.
Kind im Bauch perioperativ sonografisch überwacht
Eine frühzeitige Geburt des kleinen Mats wollen die Ärztinnen und Ärzte in jedem Fall verhindern. „Falls wir ihn früher auf die Welt hätten holen müssen, wären wir aber auch darauf vorbereitet gewesen“, sagt Dr. Barbara Kipp, Direktorin der Frauenklinik. Bei der OP stand ein intensivmedizinisches Team der Neonatologie (Früh- und Neugeborenenmedizin) bereit. Die Werte der Mutter behielten Anästhesie-Ärzte im Blick, während das Team der Frauenklinik das Kind im Bauch perioperativ sonografisch überwachte. Insgesamt waren rund 12 Mitarbeitende aus verschiedenen Fachrichtungen im Einsatz.
„Es war definitiv eine besondere Operation“, sagt Prof. Müller. Eine Röntgenaufnahme, um den Tumor genau zu lokalisieren, kam aufgrund der Strahlenbelastung in der Schwangerschaft nicht infrage. „Das ist uns dann mit Ultraschall über die Seite des Bauches gelungen“, erklärt der Neurochirurg, der normalerweise am Standort Nord operiert. „Einen solchen Eingriff würden wir eigentlich in Bauchlage durchführen, weil die Orientierung leichter ist. Auch das war wegen der Schwangerschaft nicht möglich.“
"War für uns eine besondere Situation"
Im Westfälischen Krebszentrum des Klinikums Dortmund arbeiten Expertinnen und Experten aus verschiedenen Fachdisziplinen immer wieder zusammen, um komplexe Tumorerkrankungen zu behandeln.
Tumorerkrankungen seien speziell für die Patientinnen und Patienten, aber auch für die Ärzte, nie Routineeingriffe, sagt Prof. Müller. „Gerade in diesem Fall konnten wir aber aufgrund der Schwangerschaft auf keine Standard-Verfahren zurückgreifen.“ Das Team der Frauenklinik ist mit solchen Operationen aber dennoch vertraut: „Es gibt immer wieder Situationen in Schwangerschaften, die eine Operation erforderlich machen, aber nichts mit der Geburtshilfe zu tun haben. Dann sind wir stets gefordert, die bestmögliche Überwachung des Kindes zu bieten. Aber ein rückenmarksnaher Tumor war auch für uns eine besondere Situation“, sagt Dr. Kipp. Umso zufriedener zeigen sich die Gynäkologin und der Neurochirurg Prof. Müller darüber, dass alles gut funktioniert hat.
Alles gut überstanden
„Ich bin freitags operiert worden, am nächsten Tag bin ich schon das erste Mal wieder aufgestanden und am Montag bin ich mit der Physiotherapeutin schon wieder ohne Schmerzen über den Flur gegangen“, sagt Christina Pietrowski. „Ich hatte das Gefühl, dass hier viel Wert daraufgelegt wird, dass man schnell wieder fit wird.“
Und dass Mutter und Sohn alles gut überstanden haben, davon konnten sich Dr. Kipp und Prof. Müller Anfang März – rund ein Dreivierteljahr nach der OP – noch einmal selbst überzeugen, als Christina Pietrowski mit dem kleinen Mats zu Besuch ins Klinikum kam. „Es ist schön zu sehen und zu hören, dass es allen gut geht“, sagt Prof. Müller. „Mit zwei Kindern ist es natürlich etwas stressiger, aber das ist nichts im Vergleich zu den Sorgen während der Schwangerschaft“, sagt Christina Pietrowski. „Wir sind eine glückliche, zufriedene Familie.“