Durch starke Müdigkeit und Abgeschlagenheit ist der 24-jährige Patient aufgefallen, der auf dem OP-Tisch vor Dr. Josef Obermeier liegt. Zunächst habe es den Verdacht gegeben, dass er an Rheuma leide, sagt der Leiter der endokrinen Chirurgie am Klinikum Dortmund.
In einer spezialisierten Klinik wurde bei dem Patienten dann ein Kalziumüberschuss festgestellt – ein Hinweis auf einen primären Hyperparathyreoidismus, eine Überfunktion der Nebenschilddrüse. Diese bedingt eine Überproduktion des Parathormons (PTH), was wiederum einen Überschuss an Kalzium verursacht, der auf Dauer Probleme im Körper verursacht.
„Ein medizinischer Merkspruch ist: Stein, Bein, Magenpein und ein bisschen traurig sein”, sagt Dr. Obermeier. „Nierensteine, Knochenschmerzen, Muskelschmerzen, Beschwerden des Magen-Darm-Trakts und depressive Verstimmtheit können unter anderem die Folge des Hyperparathyreoidismus sein.“
Ursache meist ein gutartiger Tumor
Jährlich werden in Deutschland rund 25.000 bis 30.000 Fälle diagnostiziert. Es ist damit die dritthäufigste endokrine Erkrankung. In den meisten Fällen ist die Ursache ein gutartiger Tumor, der operativ entfernt werden muss. Die Funktion wird dann von den drei verbleibenden, gesunden Nebenschilddrüsen übernommen. In interdisziplinären Tumorkonferenzen wird das Vorgehen für jeden Fall detailliert besprochen.
Die Nuklearmedizin unter Leitung von Dr. Monia Hamami-Arlinghaus liefert mit Sonografie und MIBI-Szintigraphie vor der OP wichtige Erkenntnisse zur Art des Tumors und seiner Lage. „Das ist wichtig, da die Nebenschilddrüsen nur Linsengroß sind und bei jedem Menschen etwas unterschiedlich liegen“, sagt Dr. Josef Obermeier. Sie sind zudem auch für erfahrene Chirurgen nicht leicht vom umliegenden Gewebe zu unterscheiden.
Seit November bekommen die Operateure während des Eingriffs Unterstützung durch ein neues Analysegerät. Es kann innerhalb von rund fünf Minuten die Konzentration des Parathormons in einer Vollblutprobe bestimmen. Dem Patienten wird während des Eingriffs deshalb mehrfach Blut abgenommen.
Geringere Belastung durch die Narkose
„Fällt der PTH-Wert von Probe zu Probe ab, waren wir erfolgreich. Dann ist der Patient geheilt“, erklärt Dr. Obermeier. Da das PTH nur eine kurze Halbwertzeit hat, kann das OP-Team über den sogenannten biochemischen Schnellschnitt nachvollziehen, ob die OP erfolgreich war.
Vor diesem neuen Analyseverfahren musste die Probe per Rohrpost ins Zentrallabor geschickt werden, dort zentrifugiert und analysiert werden. Weil das OP-Team immer wieder auf Werte warten musste, hatte die OP bis zu zwei Stunden gedauert. „Wir konnten die Operationszeit etwa halbieren, da wir Wartezeit während der OP einsparen können“, sagt Dr. Obermeier. An der Sorgfalt des Operateurs ändere das natürlich nichts, erklärt der Chirurg.
Für die Patientinnen und Patienten bedeutet das Verfahren hingegen eine kürzere Operationszeit und dadurch eine geringere Belastung für den Körper durch die Narkose und den Eingriff an sich. Außerdem sinkt durch die kürzere OP-Zeit das Risiko für Infektionen. Es gibt weniger Komplikationen und die Betroffenen erholen sich schneller. Auch beim 24-jährigen Patienten verlief die Operation erfolgreich.